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Impulsreferat Markus Demele

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Wo es sie gibt, sind Entwicklungspartnerschaften im Namen Kolpings ein Segen für alle Beteiligten: Impulsreferat von Markus Demele, Generalsekretär von KOLPING INTERNATIONAL


„Keiner hat an mich geglaubt. Meine Eltern nicht, meine Geschwister nicht und meine Freunde auch nicht!“ – Es ist noch nicht lange her, da fehlte es Clint, einem jungen Mann aus einem der ärmlichen Vororte von Südafrikas Metropole Johannesburg, an (fast) allem: an Arbeit, an Perspektiven, vor allem aber an Selbstvertrauen; so wie vielen Jugendlichen, die das Schicksal in ein afrikanisches Armenviertel gewürfelt hat. Dann begann er eine Ausbildung bei Kolping, eine Kurz-Lehre zum Hilfskoch. Der Anfang verlief nicht reibungslos, nach wenigen Wochen war er knapp daran aufzugeben, weil er daran zweifelte, schlau genug für die Abschlussprüfung zu sein. Was ihn durchhalten ließ? - „Bei Kolping habe ich das erste Mal Menschen getroffen, die an mich geglaubt haben. Sie haben mir Mut gemacht. Auch das Beispiel von Adolph Kolping hat mir Mut gemacht.“ Clint schaffte die Prüfung. Heute arbeitet er in der Küche eines feinen Restaurants und verdient sein eigenes Geld. Dem Kolpingverband hat er sich vor kurzem als Mitglied angeschlossen und hat hier noch viel vor: „Ich will auch meinen Freunden Mut machen, etwas aus ihrem Leben zu machen.“

Mut hatten auch die Kolpingschwestern und Kolpingbrüder, die die internationale Ausbreitung in der Vergangenheit vorangetrieben haben. Vor 50 Jahren, 1969, wurde dazu ein eigener Verein gegründet („Sozial- und Entwicklungshilfe des Kolpingwerkes e.V.“) und damit jene Organisation geschaffen, die bei KOLPING INTERNATIONAL für die professionelle Entwicklungszusammenarbeit zuständig ist. Heute heißt sie „KOLPING INTERNATIONAL Cooperation e.V.“; der neue Name soll zum Ausdruck bringen, worum es heute in der internationalen Kolpingarbeit geht: um Kooperationen von Partnern und nicht allein um Hilfe von der Nord- zur Südhalbkugel dieser Erde.

Damals wurden ausgehend von Kolpinggeschwistern, die auf anderen Kontinenten zu Gast waren und die Not der Menschen sahen, professionelle Kooperationsstrukturen etabliert und erste Schritte zu einem partnerschaftlichen solidarischen Miteinander in der „Einen Welt“ gegangen. Nicht ohne Diskussionen, aber mit viel Mut etwas Neues zu wagen. Heute, im Jahr 2019, nehmen viele von uns die Globalisierung teils mit Besorgnis, teils mit Freude wahr. Für die Mehrheit vor allem der jüngeren Menschen ist sie längst etwas Selbstverständliches. Dank der globalen Datenströme sind wir binnen Sekunden und oftmals sogar live in Bild und Ton darüber informiert, was auf der anderen Seite der Welt gerade geschieht, und das nicht nur vor dem heimischen Fernseher, sondern direkt auf dem Smartphone in unserer Jackentasche. Für jede/n Einzelne/n ist heute ganz selbstverständlich erlebbar, was andere Kulturen und andere Länder ausmacht. Schon für wenig Geld kann man aus Europa nach Afrika, Asien, Lateinamerika und die USA reisen; zwar zu Lasten des Weltklimas, aber eben für immer mehr Menschen erschwinglich.

Nachbarn oder Geschwister?  Die Welt ist zum „globalen Dorf“ geworden und den Menschen wird so eine Nähe zur Fremde ermöglicht, die es in den vergangenen Jahrzehnten in dieser Form nicht gegeben hat. Dennoch hat Papst Benedikt XVI. Recht, wenn er in seiner Enzyklika „Caritas in veritate“ (Nr. 16) schreibt: „Die zunehmend globalisierte Gesellschaft macht uns zu Nachbarn, aber nicht zu Geschwistern“. Und in der Tat scheinen wir von einer globalen Geschwisterlichkeit noch weit entfernt zu sein. Zu dramatisch stehen uns doch die Bilder absoluter Armut vor Augen. Was früher nur durch Zeitungstexte und Schwarz-Weiß-Fotos bekannt wurde, sehen wir heute ganz eindrücklich in den Nachrichten oder in Reportagen und Dokumentationen aus aller Welt: Fast eine Milliarde Menschen dieser Erde lebt unterhalb der absoluten Armutsgrenze, die Hälfte davon Kinder. Viele von ihnen sterben, bevor sie das fünfte Lebensjahr erreicht haben, an den Folgen vermeidbarer Krankheiten wie Durchfall oder weil ihnen nur verschmutztes Wasser zur Verfügung steht. Wir leben in einer Welt, in der immer noch einer von neun Menschen abends hungrig schlafen geht. Weltweiter Hunger ist nicht ein Phänomen der Vergangenheit, das uns an das Äthiopien der 70-er und 80-er Jahre erinnert, an die „Live-Aid“-Konzerte und anderes mehr. Nein: Hunger ist noch immer die häufigste Todesursache in vielen unterversorgten Regionen dieser Erde. Hinzu kommt die schlechte medizinische Versorgung. In zahlreichen ländlichen Gebieten ist die nächste Krankenstation über fünfzig oder gar hundert Kilometer entfernt, und das nicht nur in entlegenen Gebieten fernab der Großstädte. Was in Europa als Teil der öffentlichen Daseinsvorsorge gilt, ist in der Mehrheit der Weltregionen noch ein ferner Traum.

Wie lässt sich diese absolute Armut erklären? Sicher nicht mit mangelnden wirtschaftlichen Mitteln auf unserer Erde! Vielmehr stehen auf unserem Planeten hinreichend Ressourcen zur Verfügung, um allen Menschen ein Leben in Würde zu ermöglichen – trotz wachsender Weltbevölkerung; sie sind nur extrem ungleich verteilt. Das gilt sowohl für Einkommen als auch für den Besitz. Während in einigen Weltregionen Menschen hungern, wird ein Drittel der weltweit produzierten Nahrung weggeschmissen, der weitaus größte Teil davon in Europa und Nordamerika, ein weiter geringerer Teil geht als „Nachernteverlust“ in den ärmeren Ländern verloren. Jenes viel bemühte Bild der „Schere von Arm und Reich“ die sich immer weiter öffnet, ist keine alte Metapher, sondern hochaktuell.

Lotterie der Natur  Während das reichste Prozent der Welt im Jahr 2002 noch über 43% des Wohlstands verfügte, waren dies im Jahr 2018 schon 51%. Die globale Ungleichheit und auch die Ungleichheit innerhalb unserer Gesellschaften steigt. Und dies ist nicht etwa die Folge enormer Leistungen einiger weniger, die sich den Reichtum mühsam verdient hätten, sondern das Ergebnis fehlender bzw. einer falschen politischen Steuerung. Diese erlaubt es denen, die ohnehin schon über mehr Geld verfügen, als sie ausgeben können, immer mehr Renditen zu erhalten, und misst jenen, die nur von ihrer Hände und Köpfe Arbeit leben, weniger Anteil am wirtschaftlichen Wachstum zu als noch vor 30 Jahren.

„Armut ist wie eine Strafe für ein Verbrechen, das man nicht begangen hat.“, sagt der Publizist Eli Kahmarov. Er bringt damit zum Ausdruck, was der Gerechtigkeitstheoretiker John Rawls die „Lotterie der Natur“ genannt hat: Niemand von uns hat Einfluss auf seinen Geburtsort und die Umstände, in die er oder sie hineingeboren ist. Wer in Zentraleuropa zur Welt kommt, gehört in materieller Hinsicht zu den Glückspilzen dieser Lotterie; jene, die etwa in Ostafrika, Indien oder vielen Gegenden Lateinamerikas das Licht der Welt erblickt haben, sind mit ungleich schwierigeren Startbedingungen konfrontiert.

Bei Kolping sehen wir dieser globalen Ungerechtigkeit nicht tatenlos zu. Es liegt in der DNA unseres Verbandes und entspricht ganz dem bleibenden Auftrag des Seligen Adolph Kolping, dass wir solidarisch miteinander sind. Und diese Solidarität reicht heute weit über den Kreis der eigenen Kolpingsfamilie hinaus. Partnerschaften über Kontinente hinweg prägen weltweit das Bild von Kolping. Viele von ihnen bestehen schon seit 50 Jahren und leben von regelmäßigen Besuchen. Dabei überzeugen sich Kolpingschwestern und Kolpingbrüder, die sich gemeinsam auf eine Reise zu ihren Partnern nach Lateinamerika, Asien oder Afrika begeben, direkt vor Ort von der Wirksamkeit der Projektarbeit und dem Einsatzwillen der Menschen, die sie dort unterstützen.

Immer wieder laden Kolpingsfamilien und Diözesanverbände, aber auch Nationalverbände, die Partnerschaften in der Einen Welt pflegen, Kolpinggeschwister zu sich ein, um aus erster Hand zu erfahren, wie das Leben vor Ort aussieht. Denn natürlich kann sich längst nicht jeder auf die Reise um die Welt machen. Sind aber Partner aus Übersee zu Gast im eigenen Diözesanverband, erlebt man andere Kulturen „zum Anfassen“ und kann sich anstecken lassen von der großartigen Spiritualität und der lebendigen Glaubenspraxis dieser anderen Länder. Manche machen sich in gemeinsamen Work Camps auf den Weg zu den Partnern und bauen neue Strukturen auf, in denen Kolpingleben besser möglich wird. Andere setzen sich in kreativen Aktionen in ihren Kolpingsfamilien und Pfarren, aber auch in ihrem Freundeskreis dafür ein, dass hinreichend Gelder für die Projektarbeit vor Ort zur Verfügung stehen. Zur Kolping-Tradition gehört aber auch, im Gebet miteinander verbunden zu sein. So gibt es Partnerschaften, in denen vereinbart wurde, dass zu einer bestimmten Zeit an einem festgelegten Tag im Monat ein gemeinsames Gebet gesprochen wird. So weiß man sich nicht nur in der Solidarität, sondern auch im Gebet vor Gott miteinander verbunden.

„Wir glauben an Dich“:  Eines wird in dieser weltweiten Partnerschaftsarbeit immer wieder deutlich: So unterschiedlich die Kulturen in den 60 Kolpingländern auch sind, ebenso unsere Praxis des Glaubens, so stehen wir bei Kolping doch alle auf einem gemeinsamen Wertefundament. Für uns alle ist das Leben und Wirken des Seligen Adolph Kolping eine tragende Säule unseres Engagements, genau wie die Katholische Soziallehre und die Frohe Botschaft Jesu Christi. So versuchen wir eine „Universalität ohne Uniformität“ zu leben: Vielfalt und Einheit zugleich. Unsere Werte sind in allen Kolpingverbänden weltweit gültig, aber wir müssen dabei nicht uniform agieren und in aller Welt auf dieselbe Art die Ideen Kolpings ins Hier und Heute tragen.

Einer dieser zentralen gemeinsamen Werte ist, dass Entwicklung bei Kolping nicht einfach mit wirtschaftlichem Fortschritt gleichzusetzen ist; Entwicklung bedeutet bei uns vielmehr, dass wir den einzelnen Menschen mit seinen Träumen, Hoffnungen und Sehnsüchten, aber auch mit seinen Fähigkeiten und Fertigkeiten im Blick haben. „Wir glauben an Dich“ ist das Leitwort, unter das wir unsere Entwicklungszusammenarbeit stellen. Es soll bedeuten, dass wir in jedem einzelnen Menschen Talente sehen, die dazu taugen, sich selbst und seine Umgebung zu entwickeln, an Leib und Seele. Nicht nur ein Mehr an Einkommen, so wichtig das ist, prägt unser Verständnis von Entwicklung, sondern auch ein Mehr an Gemeinschaft und an Einsatz für das Gemeinwohl. In diesem Geist der Tatkraft sind Kolpingschwestern und Kolpingbrüder über Kulturen und Länder hinweg verbunden.

Wie bereichernd und sinnstiftend der Einsatz für die Eine Welt, auch für die Kolpingverbände in Europa sein kann, wird immer wieder deutlich bei den vielen Veranstaltungen und Aktionen, die Kolpingsfamilien in den letzten Jahrzehnten gestartet haben. Einige verkaufen den fair gehandelten „Tatico“-Kaffee, den Kolping-BäuerInnen in Mexiko und Honduras anpflanzen. Rund um den Verkauf des Kaffees gibt es dann Bildungsaktivitäten, die den Menschen deutlich machen sollen, warum es wichtig ist, beim eigenen Konsum auf Fairness zu achten. Andere Kolpingsfamilien sammeln Altkleider, Schuhe, Papier und alles, was sich irgendwie zu Geld machen lässt, um den Ertrag dann in die effiziente Projektarbeit von KOLPING INTERNATIONAL zu investieren. Wieder andere Kolpingsfamilien beteiligen sich an den Aktions-Vorschlägen aus dem Generalsekretariat in Köln, wie z.B. dem „Eine-Welt-Dinner“. Bei diesem werden zu Hause Mahlzeiten von verschiedenen Kontinenten gekocht und so während des Essens mit der Kolpingsfamilie oder mit Freunden kleine „Reisen mit allen Sinnen“ in die verschiedenen Gegenden der Welt unternommen. Zu jedem Gericht gehört ein kurzer Bericht über die Projekt- und Verbandsarbeit von Kolping in dem jeweiligen Land.

In diesem Jubiläumsjahr machen sich viele Kolpingsfamilien aus verschiedenen Ländern mit einem Aktionsset, das bei KOLPING INTERNATIONAL bestellt werden kann, im wahrsten Sinne des Wortes „auf den Weg“. In Jubiläumswanderungen werden verschiedene Stationen abgeschritten, um dort mithilfe eines Wanderhefts die Menschen von anderen Kontinenten direkt zu Wort kommen zu lassen und Bitten der Pilgernden vor Gott zu bringen. In einem gemeinsamen Gottesdienst kann im Anschluss Gott gedankt werden für das bereits Erreichte.

In vielen Kolpingsfamilien ist die Eine-Welt-Arbeit ein fester Bestandteil der Jahresaktivitäten geworden. Die Partnerschaftsarbeit bringt Lebensfreude und oftmals auch neue Mitglieder in die Kolpingsfamilien, denn der Einsatz für gerechtere Strukturen und einen nachhaltigen Lebensstil zieht andere Menschen an. Es wirkt attraktiv in einer Welt und zu einer Zeit, in der eine „Wegwerfkultur“ von Papst Franziskus zu Recht angeprangert wird. Die Nachhaltigkeits-Entwicklungsziele (SDGs) der Vereinen Nationen mahnen uns, dass alle Länder „Entwicklungsländer“ sind und wir alle, egal, wo wir leben, gerufen sind, einen Lebensstil zu pflegen, der den Menschen überall ein würdiges, ein gutes Leben ermöglicht. Dahin müssen wir uns entwickeln. „Die Nöte der Zeit werden euch lehren, was zu tun ist!“ – Die Partnerschaftsarbeit bei Kolping ist ein schöner und sinnstiftender Weg, dem Auftrag Adolph Kolpings in der heutigen Zeit zu entsprechen.

 

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