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Zwischen Erschöpfung und Hoffnung

Interview zum 4. Jahrestag der Invasion mit Vasyl Savka, Geschäftsführer von Kolping Ukraine

Geschäftsführer Kolping Ukriane, Vasyl Safka

Vier Jahre nach Beginn des russischen Angriffskriegs ist in der Ukraine noch immer kein Frieden in Sicht. Die Attacken reißen nicht ab, Stromausfälle und Not prägen den Alltag der Menschen. Zum Jahrestag sprachen wir mit Kolping-Geschäftsführer Vasyl Savka über Erschöpfung, Durchhaltewillen – und warum seelische Hilfe genauso wichtig ist wie humanitäre Unterstützung.

Vier Jahre Krieg – und unvermindert erreichen uns Meldungen von neuen Angriffen, unzähligen Opfern, stundenlangen Stromausfällen. Was bedeutet dieser Jahrestag heute für die Menschen in der Ukraine?

Vasyl Savka: Dieser Jahrestag ist beides – ein Moment des Innehaltens und zugleich nur ein weiteres Datum in einem langen, schrecklichen Krieg. Der Tag erinnert uns vor allem an unsere Verluste – an den Preis, den wir für unsere Freiheit, für unsere Demokratie, für unsere Souveränität zahlen müssen: zerstörte Häuser, zerbrochene Familien, Angehörige oder Freunde, die gefallen sind oder die man seit Jahren nicht treffen konnte. Gleichzeitig ist dieser Krieg auch Alltag geworden. Die Sirenen, die ständigen Stromausfälle, die allgegenwärtige Gefahr von neuen Angriffen – das gehört für uns zur Normalität. Ich will nicht sagen, dass wir uns schon zu hundert Prozent daran gewöhnt haben. Aber wir haben gelernt, unter diesen schweren Bedingungen zu funktionieren.

Seit Kriegsbeginn koordinierst Du die Kolping-Nothilfe von Tschernowitz aus, begleitest immer wieder Hilfslieferungen auch persönlich – selbst solche, die nah an die umkämpften Regionen heranführen. Was kannst du aktuell aus diesen Gebieten berichten?

Jetzt im bitterkalten Winter, mit den vielen stundenlangen Stromausfällen, sind die Bedingungen besonders hart. Wir haben zuletzt einige Dörfer nahe der Frontlinie besucht, in der Region Cherson. Dort war das Leben schon vor dem Krieg katastrophal. Es gab keine Arbeit, kaum Infrastruktur. Trotzdem bleiben die Menschen, selbst jetzt noch. Gemeinsam trotzen sie den schwierigsten Bedingungen. Es fehlt ihnen wirklich an allem: Strom, Feuerholz, Wasser, Lebensmitteln, medizinischer Versorgung. Es kommen auch kaum noch Hilfslieferungen in die Dörfer, die haben drastisch abgenommen. Diese Menschen brauchen dringend Hilfe. Deshalb fährt Kolping weiter dorthin, solange wir es können, mit Generatoren, Feldöfen, warmen Decken, Lebensmitteln und anderen humanitären Hilfsgütern.

Deine Heimatstadt Tschernowitz im Westen der Ukraine gilt als vergleichsweise sicher. Wie spürt Ihr dort die Folgen des Krieges?

Auch in Tschernowitz wurden auch wir schon einige Male mit Kampfdrohnen und Raketen attackiert. Doch das größte Problem sind die russischen Angriffe auf die Energieinfrastruktur des Landes. Auch wir sind oft 17 bis 20 Stunden am Tag ohne Strom. Das macht sich überall bemerkbar. Ohne Strom heißt: ohne Heizung, ohne Wasser, ohne Licht. Ist der Strom dann mal da, muss man rasch entscheiden: Was mache ich zuerst? Kochen, Wäsche waschen, duschen? Das macht viel mit einem. Und auch sonst hat sich das Leben extrem verändert für viele Menschen. Die Not nimmt zu: durch verlorene Angehörige. Dadurch, dass bei vielen Flüchtlingen längst die Ersparnisse weg sind und es nicht für jeden Beruf eine Arbeit im Westen gibt. Diese Menschen verarmen, sie leben unter schlechten Bedingungen in Flüchtlingsunterkünften und sind auf Hilfe angewiesen. Um sie kümmern wir uns ebenfalls, etwa mit dem Essen aus der Suppenküche und mit psychosozialen Angeboten.

Dank der kontinuierlichen Unterstützung der weltweiten Kolpingsfamilie können wir unsere humanitäre Arbeit zum Glück aufrechterhalten. Und dafür sind wir zutiefst dankbar. Aber selbstverständlich gibt es Herausforderungen, und die werden größer. Mitte 2025 war ich wirklich besorgt, denn die Hilfslieferungen an uns nahmen drastisch ab. Das, was früher einmal pro Woche kam, kam nur noch einmal pro Monat oder sogar nur noch alle zwei Monate. Seit August sind die Transporte glücklicherweise wieder gestiegen. Am Freitag zum Beispiel ist ein LKW mit 71 Notstromaggregaten vom Diözesanverband Augsburg sowie von der Kolpingsfamilie Ebersberg gekommen. Gestern haben wir eine große Lieferung aus Stuttgart abgeladen. Demnächst sollen noch einmal 200 Notstromaggregate kommen. Und natürlich Lebensmittel. Es rollt wieder. Der Bedarf ist ja da. Zurzeit kommen bei uns wieder mehr Menschen an, vor allem aus Kiew, Charkiv und anderen Regionen, die von den Russen permanent beschossen werden. Darunter sind auch Familien, die schon mehrfach geflohen sind, etwa von Donezk nach Kiew und jetzt weiter in den Westen. Das bedeutet einen größeren Bedarf an Flüchtlingsunterkünften, an Essen, an allem.

Im vergangenen Jahr konnte erstmals auch ein Ausbildungskurs in Traumatherapie erfolgreich abgeschlossen werden. Zeigt die psychosoziale Arbeit dieser Traumafachkräfte bereits erste Früchte?

Diese zweijährige Ausbildung von Trauma-Fachkräften war wirklich ein wichtiger Meilenstein für uns – und für unser Land. Denn Forschungen sagen, dass mittlerweile zirka 90 Prozent der ukrainischen Bevölkerung traumatisiert sind vom Krieg. Es gibt quasi keine gesunden Menschen mehr hier. Der Bedarf an Traumatherapie ist also enorm. Und Kolping ist eine von wenigen Organisationen, die mit der Ausbildung von Trauma-Fachkräften angefangen haben. Unsere Leute haben Methoden erlernt, die bereits in Ländern wie Syrien, Afghanistan oder dem Irak erprobt wurden und sehr gut funktionieren. Schon seit Mitte der Ausbildung wenden sie diese Methoden in ihrer täglichen Arbeit an, also in Kolping-Einrichtungen wie Wohnheimen oder Förderzentren. So konnten bereits rund 300 Menschen mit Traumarbeit begleitet werden. Diese Ausbildungen möchten wir unbedingt weiter anbieten und haben gerade erst einen Förderantrag für einen zweiten Ausbildungskurs gestellt, den wir wieder gemeinsam mit der Stiftung Wings of Hope umsetzen möchten. Darüber hinaus plant Kolping Ukraine, eine eigene Psychotraumatologie-Schule zu bauen und zu eröffnen. Das ist Zukunftsarbeit. Dieser Krieg – egal wann er endet – wird unserer Nation nicht nur zerstörte Häuser hinterlassen, sondern auch tief verwundete Seelen. Und Adolph Kolping hat ja gesagt: „Die Nöte der Zeit werden euch lehren, was zu tun ist.“ Ich sehe hier unsere Berufung.

Nach vier Jahren Krieg – wie viel Kraft ist da überhaupt noch übrig bei euch im Kolping-Team? Was gibt euch trotz allem Zuversicht?

Nach diesen vier Jahren Krieg sind wir wirklich alle müde. Das ganze Kolping-Team ist erschöpft, die Dauerbelastung ist enorm. Aber die Kraft weiterzumachen ist noch da, weil wir sie aus der Solidarität, die wir erfahren, schöpfen können. Aus der Zusammenarbeit mit den vielen helfenden Händen, die wir haben. Aus der nicht endenden Spendenbereitschaft innerhalb der Kolping-Weltfamilie und darüber hinaus. Aus den dankbaren Augen der Menschen, denen wir helfen. Daraus können wir Kraft schöpfen, und das gibt uns Zuversicht. Also diese Gewissheit, nicht alleine zu sein. Und solange wir gemeinsam solidarisch handeln, werden wir die Hoffnung auch nicht aufgeben und weitermachen.

Das Interview führte Michael Roemkens, KOLPING INTERNATIONAL.

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